Sonntag, 7. September 2008

Ein Sonntag in Sepia










Ich glaube, es passierte in der letzten Woche. Plötzlich fand ich Phnom Penh schön. Es hat 5 Monate gedauert. So lange bin ich nun schon hier. Phnom Penh, in den 20er Jahren die Perle Südostasiens genannt, war für mich die Stadt, in der ich drei Jahren leben und arbeiten sollte. Und ich wusste immer, es hätte mich schlimmer treffen können. Doch es hätte mich sicher auch besser treffen können. Saigon, Hanoi oder gar Bangkok. Wie viel lieber hätte ich dort mein neues Domizil aufgeschlagen. Doch Phnom Penh?

Zwei Tage hatte ich jetzt Besuch von einem Freund aus Saigon. Und als er mich eben verließ, sagte er, er fände Phnom Penh einfach nur schön. So viele Bäume, so viele alte und neue Villen, so viele Wolken über der Stadt, die noch keine Hochhäuser hat. So freundliche Menschen. Prächtige Boulevards, der große Fluss, der Palast, die vielen Pagoden, das Stadium, die urbane Enge und dann wieder die unglaubliche Weite in der Stadt.

Ausländer schätzen die relaxte Atmosphäre, das gute Essen und die freundlichen Menschen. Und ich schätze, ich hatte 5 Monate die Augen zu. Ich fand Phnom Penh interessant und fühlte mich wohl. Doch jetzt sehe ich, was Phnom Penh einfach ist, eine Stadt, deren Schönheit man wirklich entdecken kann.


Samstag, 30. August 2008

Please don't let me die!




In einer anderen Welt zu arbeiten und eine andere Sprache zu sprechen führt über kurz oder lang immer wieder mal zu peinlichen Situationen:







Ich leite einen zweitätigen Programm- und Führungskräfteworkshop in Phnom Penh, an dem 16 Kollegen meiner NGO teilnehmen. Es geht darum, meine Kollegen zu unterrichten, wie mal eine Studie macht, um herauszufinden, was unsere beneficiaries – in Deutschland sagen wir Zielgruppe oder Klienten – über den empfangenen Service seitens der NGO denken. Früher wurden diese Studien für viel Geld an externe Berater vergeben. Jetzt bin ich ja da und mach das selbst. Der Vorteil: Ich kenne meine Kollegen besser und weiß, was sie brauchen, um zu lernen, doch manchmal auch nicht :-)

Ich gehe völlig gestresst in den Workshop, habe 7 Tage durchgearbeitet und morgens um 2.00 h noch ne Powerpoint-Präsentation hergestellt, denn Expertenwissen in Kambodscha wird gerne mit einer technischen Expertise übersetzt. Da hilft auch meine gute Laune nicht. Die gibt’s dann gratis!

Der Vormittag läuft smooth. Und dennoch, gegen 16.00 h, wirken alle erschöpft. Gewöhnt, internationalen Beratern zuzuhören, auch wenn man nicht allzu viel versteht, entgeht mir aber nicht, dass die Augen meiner Kollegen am Nachmittag noch ein bisschen schlitziger sind als asiatisch üblich. Ich beschließe, mit meinen Kollegen ein Rollenspiel zu machen. Mein erstes in Asien!

Schnell zimmere ich eine Szene zurecht. „Frau X bekommt in ihrem Dorf Besuch von einem Mitarbeiter der NGO, der sie hinsichtlich Leistungen und Zufriedenheit mit der NGO interviewen will. Frau X ist seit 6 Monaten HIV positiv und sehr aufgewühlt. Im Hintergrund spielen Kinder.“

Meine Frage, wer Frau X spielen will, verhallt im Raum. Ich warte ne Weile und sehe dann hilfesuchend meine engste Kollegin an: „PLEASE DON’T LET ME DIE!!!“

Funktioniert! Und dann spreche ich einen super fitten Kollegen direkt an, er möge doch bitte als Rolemodel den Mitarbeiter spielen, wir könnten alle von ihm lernen. Geschmeichelt willigt er ein.

10 Minuten später Auswertung.

Die Kollegen sind putzmunter. Ich denke noch, ich mach jetzt immer Rollenspiele!!!

Alle geben Rückmeldungen. Es gibt Applaus. Alles schön. Fand ich auch. Na ja, vielleicht zu wenig Vorkontakt im Rollenspiel? Kann man wirklich nach zwei Minuten Vorkontakt gleich losfragen???

In der schönsten Gruppenharmonie höre ich mich sagen, dass es wichtig ist, unsere Klienten mehr abzuholen. Sich Zeit nehmen, in Kontakt gehen. Auch mal einen Kaffee annehmen oder gemeinsam nen Stück Kuchen essen. KUCHEN ESSEN?????????????????

Oh Scheiße!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Keiner reagiert, alle gucken nur unverständlich. Logisch.

Frau X hat in ihrem Leben noch kein Stück Kuchen gegessen, geschweige denn Kaffee getrunken. Weil bitter arm, kein Geld dafür und auch keine landesübliche Tradition …

Ich kann mich jetzt nicht erinnern, wie es weiterging. Sicher habe ich weitergeredet. Sicher hat der Direktor zum Schluss noch was gesagt. Es war ja eh gleich 17.00 h.

Später habe ich an die französische Königin Maire Antoinette gedacht. Die büßte ihre Abgehobenheit in der französischen Revolution mit dem Kopf. Als sie von einem Minister unterrichtet wurde, dass das Volk kein Brot haben würde und hungern müsste, fragte sie unschuldig, wieso sie denn keinen Kuchen essen?

Mein Kopf ist noch dran. Aber um eine Erfahrung reicher!

Samstag, 23. August 2008

Guten Morgen Phnom Penh








Alle fangen zwischen sieben und acht an. Ganz Phnom Penh ist auf den Beinen.

Auch ich verlasse mein Haus jeden Morgen 10 Minuten vor acht. Mein chinesisches Mountainbike fädelt sich mittlerweile gelassen durch den dröhnenden Verkehr. Um acht erreiche ich mein Büro und ich bin völlig nass geschwitzt. Egal, wie viel oder wie wenig ich anhabe. Ich bin völlig durch… So liegt es nahe, meine Kollegen mit einem lauten „Kdauw nah“ zu begrüßen, „zu heiß!“. Sie fangen dann schon mal an zu lachen, denn in ihren Kopf will einfach nicht rein, was ich mir jeden Tag 4mal antue: Zur Arbeit mit dem FAHRRAD zu FAHREN. Und mein optischer Eindruck gibt ihnen Recht!

Langsam laufe ich an meinem Arbeitstisch, der in den Nähe des Eingangs steht, nachdem ich meine Schuhe wie alle Kollegen in das Schuhregal gestellt habe.

Selbst unter den Fußsohlen hat sich Schweiß angesammelt. Ausrutschen auf Fliesen - hier eine einfache Übung. Im Haus vis-a-vis schminken sich kambodschanische Mädchen auf dem Balkon. Ich mache den Ventilator an, der direkt neben meinem Tisch steht und blase mir Wind ins Gesicht: „Guten Morgen Phnom Penh!“ Ich fahre meinen Computer hoch und checke die Mails, auch wenn ich hier an manchen Tagen noch gar keine bekomme. Aber ich bin das seit Jahren gewöhnt. Morgens auf der Arbeit an den Computer zu gehen, und alles anmachen. Morgens bin ich deutsch!

In Kambodscha läuft das anders. Meine Kollegen kommen mit dem Moped, der Direktor mit Auto und Fahrer. Und die meisten fläzten sich dann erst einmal in das speckige Ledersofa in der Eingangshalle. Gemeinsam wird geschwätzt. Gemeinsam wird Jasmintee getrunken. Gemeinsam wird gegackert oder manchmal auch einfach nur rumgedöst. Ja, genau, es kann schon sein, dass ich aufstehe, weil ich bereits um 8.20 h ein Dokument ausgedruckt habe und der Drucker – ich hasse diesen Platz – direkt neben dem Ledersofa steht. Ich laufe dann lächelnd oder political-correct Verständnis zeigend, um 8.21h, an den, im speckigen Mobiliar herum gammelnden Kollegen vorbei und kassiere in schöner Regelmäßigkeit einen Spruch, den ich in der Regel leider noch nicht verstehe. Das laute Lachen dann ist mal wieder nicht auf meiner Seite. Selbst die Kollegen, die den Spruch verdöst haben, lachen sich wieder munter. Das Lachen steckt alle an - außer mich selbst!

Wie ich den morgendlichen Kulturschock überwinde? Oh, ich habe drei Strategien:

1. Die Analyse:
Ich, deutsch, individualistisch, professionell im Sinne von auf der Arbeit nicht so privat; Morgenstund hat Gold im Mund.
Sie: kambodschanisch, gemeinschaftsorientiert, familienorientiert, auch das Büro, die Arbeit ist eine große Familie und die sitzt morgens einfach gern zusammen, Morgenstund mit den Lieben und viel Tee im Mund.

2. Die Konfrontation:
Manchmal denke ich mir auch einen Spruch aus, wieso lerne ich schließlich diese Sprache.

3. Tabuisierung:
Oder ich drucke morgens einfach nicht!

Morgens, meine Lieben, passt das hier für mich nicht zusammen!
Gegen halb neun gibt es himmlisch süßen Kaffee. Die Arbeit in Kambodscha beginnt. Mönche kommen zu Besprechungen ins Haus. Telefone klingeln. Exceltabellen aller Orten. Um halb neun geht es mir wieder gut. Ich quatsche ja auch sehr gern im Büro. Aber erst, wenn mein Computer an ist. Ich kann morgens einfach nicht im Sofa sitzen. Ich mag das Sofa nicht.

Samstag, 2. August 2008

Gewählt und geölt





Der Sonntag, an dem das Volk an die Wahlurnen schreiten durfte, war ein ganz ruhiger Tag. Der Norodom- und der Monivong-Boulevard waren leer, die Restaurants und Suppenküchen hatten zu. Genau wie mein Supermarkt LUCKY, in dem schon am Samstag das Alkoholregal mit einem roten Tuch zugehängt war. Zuerst dachte ich, machen die jetzt Inventur und zählen ihre Flaschen, bis mir ein Bekannter erzählte, es gäbe am Wahlwochenende in Kambodscha einen Alkoholbann. Nix zu trinken, Angst vor Gewaltausschreitungen. Na, an das Alkoholverbot hatte sich jedenfalls das Expat-Restaurant Elsewhere nicht gehalten. Wir trafen uns dort Samstagabend, denn mal wieder war die Zeit abgelaufen, galt es, neu gefundene Freunde zu verabschieden. Kommen und Gehen. Zumindest in der Expatszene ändert sich ständig das Personal. Und in der Politik?

Prime Minister Hun Sen's Cambodian People's Party hat sich gleich am Montag zum Sieger der Parlamentswahlen in Kambodscha erklärt. Das war zu erwarten, auch wenn noch eine Woche Stimmen ausgezählt werden. Der mächtige Premier steht DER Partei vor, die seit 15 Jahren in Kambodscha an der Macht ist. Es ist eigentlich SEINE Partei. Und die Partei ist wie eine große Familie. Überall Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen. Auf allen Posten, auf allen Pöstchen im Land: Familienangehörige. Da kann nicht viel schiefgehen. Korruption ist ein Gespenst, das durch Asien geht!

Es ist wie in China. Und jetzt haben wir sogar die gleichen Wachstumsraten. Vor der Küste gibt’s jetzt Öl und die Phnom Penh Post meldet heute, das in diesem Jahr die 2-Millionen-Schwelle genommen wird. Von Touristen ist die Rede. Auch da haben die Expats Anteil dran. Denn es kommen doch oft Freunde zu Besuch, manchmal sogar Lebensgefährte und Familienangehörige (WINK MIT DEM ZAUNPFAHL)

Und die Opposition ist heillos zerstritten. Die royale Funcinpec-Partei muss Wahlbeobachtern zur Folge dramatisch verloren haben. Statt 25 Sitze hat sie wohl nur noch einen im Parlament. Na, da kann man doch nur noch verzweifelt Platz nehmen. Ich jedenfalls hab beobachtet, dass Hun Sens Wahlkarawanen mit lautem Getöse über die Straßen gerollt sind, während die gelben Königsparteianhänger vor meinem Haus ne Panne hatte. Die mächtige Familie hatte eben kräftig geölt, macht man hier so, wenn man an der Macht bleiben will. Und am Dienstag haben mir meine Kollegen im Büro ihren tintenschwarzen Zeigefinger gezeigt, mit dem sie sich am Wahltisch per Fingerabdruck authorisiert haben. Ganz geheimnisvoll, zumal die Hälfte der Mannschaft keinen schwarzen Zeigefinger hatten. Wo waren die denn am Sonntag? Ja, am Wahltisch, doch sie konnten nicht wählen, weil man ihren Namen nicht in den Listen gefunden hat. Na, ich bin gespannt, wenn am Wochenende die Wahlbeteiligung veröffentlicht wird. Nicht das am letzten Sonntag nur Hun Sens Großfamilie wählen war...

Samstag, 26. Juli 2008

Bangkok - Die Stadt der Engel

















In Bangkok habe ich mich verlaufen. Ich beschloss am dritten Abend, in die legendäre Babylon-Sauna zu gehen, denn diese wurde mir von meinen Freunden in Berlin empfohlen. Auf der Silom-road, auf der mein Hotel liegt, herrscht Berufsverkehr. Berufsverkehr kennt man ja aus allen großen Städten. Aber in Asien ist es eine besondere Sache und in Bangkok, meine Lieben, ist das eine ganz besondere Herausforderung. Kurz vor dem Lumpini-Park ist meine Silom-road nämlich achtspurig und zweistöckig. Was unten nicht durchkommt, fährt oben lang, was von rechts nach links will, bleibt in der Mitte stehen. Tausende Motoren heulen, als wollte die ganze 10-Millionenstadt abheben und in einem anderen Sternensystem nach einem neuen Siedlungsort, nach neuem Raum suchen. Ich höre auf meinem Walkman Depeche Mode aus den 80ern. Ich glaube, die Highways hier wurden auch in derselben Zeit gebaut.

Wenn man Musik hört – mir geht es jedenfalls so – dann verwandelt sich die reale Umwelt in eine träumerische Kulisse. Ich laufe zwar die Straßen entlang, wandele durch Kaufhäuser oder Passagen, doch meine Gedanken sind frei. Und schon fliegen sie auf, hier in dieses Auto, wer sitzt darin? Dort in dieses Schaufenster, und dann über das Gesicht der alten Köchin, die im größten Gewühl Suppe kocht, versuchen zu ergründen, wo die beiden schönen, modischen Thailänderinnen arbeiten oder sie erforschen, was im ernsten Ausdruck des Security-Mannes vor der großen Bank verborgen ist. Oh, er lächelt zurück. Bangkok, so will der Name sagen, ist eine Stadt der Engel. Ach wie schön, wenn eine Stadt noch Engel hat. Berlin hat ja auch viele Engel, doch die meisten von ihnen stehen auf den Friedhöfen.

Als ich um die Ecke biege, richte ich automatisch meine Augen Richtung Himmel. Ein riesiger Wolkenkratzer steht vor mir. Jadegrün glitzert er im späten Abendlicht. In vielen Etagen brennen noch Bürolampen, laufen, stehen, sitzen Menschen wie in einem coolen Werbetrailer. Zu seinen Füßen ein weiterer Highway, auf dem sich die roten Rücklichter der Autos wie eine endlos lange rote Schlange klingeln. Ich laufe zu auf den glitzernden Turm, weiche einer weiteren Straße aus, und lande plötzlich in einem vergessen Garten. Neben dem Garten liegt ein Friedhof, klein, angefressen an allen Seiten, von der gierigen Stadt. In einem alten Haus, zu dem der Garten gehören muss, hängt Wäsche auf einer Leine. Im zweiten Stock brennt Licht, zwei Halbwüchsige rauchen auf dem Balkon eine Zigarette. Ich stehe in ihrem Garten, sie winken mir zu und verschwinden dann. Ich betrete den Friedhof, wandere einige Pfade entlang. Die weißen Steine schimmern hell. Einige sind umgestürzt. Vergessen, aufgegeben. In der Dunkelheit erfüllt mich die Ahnung einer Modernität, die hoch, hoch hinaus will und zu deren Füßen soviel Natur, soviel Leben, so viel Tod liegt. Alte Blätter liegen auf dem Boden, ein Strauch ragt hüfthoch. Zwar streckt ein Baum seine müden Äste, doch die erreichen noch nicht einmal den zweiten Stock des alten Hauses. Ich glaube, ich habe lange kein dichteres, kein komplexeres Bild für Endlichkeit, für Entwicklung und Veränderung wahrgenommen als in diesem Augenblick. Und dafür, wie sich die Schichten der Zeit, auf der Vertikalen abbilden lassen. Hier unten der Garten, dort oben der Turm. Haben deshalb die Menschen früher an Engel im Himmel geglaubt?

Ich gehe zurück, finde aber meinen Weg nicht mehr. Nehme mir ein Taxi, der Taxifahrer kennt sich auch nicht aus. Naja, wir fahren erst einmal. Auf einer großen Straße erinnere ich mich, dass ich hier heute Abend schon einmal war. „Left now, then right!“ „Ok Sir!“. Als ich aussteige, stehe ich vor der Babylon-Sauna. Von außen unscheinbar, von innen eine Mischung aus Orient und Asien. Lediglich die Locker erinnern mich an europäische Geradrobenschränke.

Die Architekten des Luxus-Spa müssen begeisterte „Labyrinth-Fans“ sein. Ich glaube, ich brauchte weitere zwei Stunden, um mich grob zu orientieren. Ich kann mich noch gut an das peinliche Gefühl erinnern, vor einer Wand zu stehen, die einem Pfeil nach zu urteilen, eine Tür haben muss, nur habe ich diese nie gefunden. Ich glaub, ich habe meinen Orientierungssinn in Deutschland vergessen.

Als ich später Jade kennenlerne, verstehe ich lange seinen Namen nicht. Das asiatische Englisch kommt völlig ohne J-, S-, T-, D- und H-Konsonaten aus. Dann sagt er erneut, er hieße JADE, so wie der grüne Stein. Ich grinse, JA DER GRÜNE STEIN, hatte ich heute schon mal. Und hab mich danach gleich verlaufen …



(Fotos: Bangkok Centralstation, JADE, Straßenszene, Chao-Phraya-River)

Grenzfahrt


Wir sind früh in Siem Riep aufgebrochen. Um fünf schon holte uns Kim‘s Onkel ab. Viele Geschäfte in Kambodscha werden über Familiennetzwerke abgewickelt. Und als ich mich auf Drängen meiner mitreisenden Freundin bereit erklärt hatte, nicht von Siem Riep nach Bangkok zu fliegen, sondern mit dem Taxi zu fahren (8 Stunden!), hatte unserer Tuk-Tuk-Fahrer gleich den richtigen Chauffeur bei der Hand. Onkel Dong. Onkel Dong ist 50 und fährt einen weißen Toyota Corolla. Onkel Dong spricht kein Wort Englisch, hat aber ein ungebrochenes Kommunikationsbedürfnis. Das habe ich schon nach zehn Minuten mitbekommen und mich sofort gefragt, warum ich ausgerechnet wieder auf dem Beifahrersitz sitzen muss und so blöd war, zu sagen, ich würde Khmer lernen. Meine Khmerkenntnisse waren nämlich schon nach fünf Minuten aufgebraucht und wir hatten noch nicht einmal Siem Riep verlassen.

Was mein Betrag zum „Gespräch“ betrifft, ich begann ziemlich schnell zwischen dem ehrlichen Bekenntnis „Knjom man joul de!“ (Ich verstehe nix!) und einem bejahenden aber verlogenen Zuhören like „Ah, ja, bat, Hhm…yes“ hin und her zu schwanken, ein unangenehmer Zustand, der durch die metergroßen Schlaglöcher auf der Nationalroad 6 noch verstärkt wurde. Meine Freundin auf dem Rücksitz feixte und meinte nur lakonisch, ihre Freundin in Indonesien könne die Landessprache schon fließend sprechen. Was für eine schöne Reise!

Irgendwann wurde auch der Onkel ruhig, denn die Herausforderung des Steuerns nahm selbst ihn in Anspruch. Die Nationalstraße 6, die nach Thailand führt, ist von Gerüchten und Geschichten umworben. Sie ist derartig schlecht, dass man sie eigentlich nicht benutzen kann. Der Reiseführer Lonely Planet hat in Erfahrung gebracht, dass die einzige Airline, die von Siem Riep nach Bangkok fliegt, das kambodschanische Verkehrs- und Planungsministerium bestochen haben muss, damit die Nationalstraße nicht und niemals ausgebaut wird. Ich glaube, Onkel Dong, versuchte mir selbiges zu erklären.

Und dann gibt es ewige Grenzstreitigkeiten zwischen Thailand und Kambodscha, so das eine Investition in Infrastruktur für das arme Kambodscha nicht in Frage kommt. Gerade ist der Konflikt wieder aufgeflammt, weil die UNESCO Kambodschas Antrag auf Aufnahme des Bergtempels Preah Vihear in die Weltkulturerbeliste befürwortet hat. Am selbigen Tag hatte ich auch prompt 7 SMS von kambodschanischen Freunden/Bekannten auf dem Handy, wie stolz und bewegt sie doch seien, dass die Thais diesen Tempel auf der Grenze nun nicht mehr den Kambodschanern wegnehmen könnten. „The Thais have lost their face!!!“

Wem auch immer hier was gehört: die Nationalstraße 6 kann ein Lied davon singen. Ich jedenfalls summe auch mal mit, denn das einzige, was an diesem schlammigen, schlaglochreichen Sumpfweg mit einer Nationalstraße zu vergleichen ist, ist die 100 km vor der thailändischen Grenze einsetzende Straßenbeleuchtung. Und diese wurde von Thailand gebaut. Und so spielen sich unter futuristischen Straßenlampen – die natürlich noch nicht brennen, denn für die Stromversorgung ist Kambodscha zuständig – bürgerkriegsähnliche Szenen ab. Onkel Dong lacht da nur schallend, wenn ich mal wieder einen liegengebliebenen LKW mit einem lauten „Oh“ oder einen in das Reisfeld gerutschten Linienbus mit einem „Ah“ quittiere. Da steht ja eine ganze Reisegesellschaft im Schlamm und wartet auf Hilfe! Und 10 Minuten später schlingern wir an einem Traktor vorbei, der dem Bus zu Hilfe geeilt, auch im Graben hängen geblieben ist, was zahllose Kambodschaner veranlasst, neben dem Traktor zu parken und sich geruhsam über die Ereignisse auf der Nationalstraße auszutauschen. Dummerweise haben aber diese ihre Autos, Geländewagen, Fahrräder auf den letzten befahrbaren Flecken der Nationalroad abgestellt, so dass selbst Onkel Dong zu fluchen beginnt. Er weicht aus und wir nehmen Anlauf einen meterhohen Schlammhaufen zu erklimmen. Die Autofenster sind schnell braun, nur wenige Flächen bleiben sauber. Das Auto schlingert seitlich am Schlammberg entlang und schon rutschen wir fünf, sechs Meter hinunter in einen Tümpel, in dem bereits ein Auto zur ewigen Ruhe gebettet zu sein scheint. Die Leute drinnen jedenfalls lesen Zeitung. Na Klasse. Auch unser Auto steht, nix bewegt sich mehr. Aber, Onkel Dong weiß sich zu helfen. Es gibt ja einen Rückwärtsgang. Quälend langsam fahren wir – ich kann es nicht anders sagen, mit dem Rückwärtsgang nach vorn. Das hatte ich auch noch nicht. Wir drehen uns im Kreis, dann gibt es einen Ruck und die Fahrt geht weiter. Ich sage tiefbeeindruckt „Wow“ und Onkel Dong klatscht mir auf den Schenkel. Erleichtert nehme ich wieder die idyllische kambodschanischen Reisfelder in Augenschein, und denke darüber nach, dass mich nie wieder jemand überreden wird, diese Straße zu benutzen.

Zwei Stunden später kommen wir in der Grenzstadt Polpet an. Riesige Casinos auf der kambodschanischen Seite laden zum Glückspiel ein, was in Thailand verboten ist. Wir steigen aus, beinahe rutsche ich aus, denn auf dem Platz vor der Grenze liegt natürlich auch eine zentimeterdicke Schlammschicht, zumindest auf der kambodschanischen Seite. Ich gebe dem Onkel 35 Dollar, ich glaub, die Hälfte davon kann er gleich wieder für die Autoreinigung ausgeben. Ich schleppe meinen Trolley in das kleine schmutzige Grenzhäuschen, rollen kann ich ihn nicht in diesem Sumpf. Auch reicht mir schon aus, dass meine Flip-Flop in regelmäßigen Abständen, den Dreck von hinten auf meinen Rücken schleudern. Es ist irre heiß und als ich vor dem Grenzpolizisten einen Spiegel sehe, sehe ich einen Menschen aus Deutschland darin, der völlig durchgeschwitzt und schlammbekleckert ein große Belastung überlebt haben muss.

Eine Stunde später stellt sich bei mir – auf 4spurigen Autobahn in Thailand, von der Aircondition gut gekühlt - ganz langsam das Gefühl ein, dass es auch schön sein kann zu reisen. Wir haben das Fahrzeug gewechselt und auch den Fahrer, das war so abgesprochen. Und doch bin ich tief beeindruckt, wie Onkel Dong, die Odyssee gemeistert hat. Bestimmt ist er schon wieder auf dem Weg zurück nach Siem Riep, schlingert mit seinem Toyota mit einer atemberaubenden Geschicklichkeit durch den Schlamm, wie die meisten in die Jahre gekommenen Kambodschaner durch die Mäander ihrer versumpften Gesellschaft. Es ist schon verrückt, wie Menschen mit widrigen Umständen umgehen und welche Überlebensstrategien man dabei entwickeln kann…



(Foto: adad)

Sonntag, 6. Juli 2008

Tempeldiener in Angkor Wat











Schlangen und Dämonen, Elefanten und Affen, Götter und Menschen – selten nur, sind Kultur und Natur eine derart magische Verbindung eingegangen wie in Angkor, der alten, der himmlischen Hauptstadt des Khmer-Empire. Das gesamte Areal, von der Ausdehnung her mit einer heutigen europäischen Großstadt wie Berlin vergleichbar, war jahrhundertelang vom Dschungel überwuchert und wurde erst in der Mitte des 19. Jhd. von den Franzosen "wiederentdeckt", auch wenn einigeTempel durchgängig von den örtlichen Bewohnern genutzt wurden. Seitdem ringt Kambodscha mit seinem Erbe, denn in gewisser Hinsicht ist Angkor das einzig Große, was dieses kleine Land noch hat. Angkor ist DAS Nationalheiligtum Kambodschas, Quelle religiösen, spirituellen, politischen und wirtschaftlichen Lebens. Angkor ist weltbekannt, ob in Saigon oder Bangkok, Seoul oder Peking, Tokio oder Delhi, alle pilgern zu den Hindugöttern und dem Buddha auf dem Lotosblütenthron. Selbst Flora und Fauna zeigen, wie die Natur vor Jahrhunderten ausgesehen haben mag, lang bevor die Wälder gerodet, die Tiger erschossen, die Schlangen vertrieben, die Vögel verjagt und die Elefanten gezähmt wurden.

In Angkor gibt es Hoffnung. Und diese kann das traurigste Land Asiens gebrauchen. Angkor ist Kraft, Kunst und Können auf höchstem Niveau. Man kann es kaum begreifen, was man sieht, auch wenn man das meiste noch anfassen darf.

Noch immer sind viele Kambodschaner nie in Angkor Wat gewesen. Noch immer haben viele von ihnen nur gehört, dass ihr Land, ihre Heimat am Meer liegt. Verstanden es die alten Khmerkönige vor 800 Jahren, Bewässerungsanlagen, Tempel, Paläste errichten zu lassen, ist das heutige Land so bitter arm und die heutige Regierung so unfähig, eine angemessene technische und kulturelle Infrastruktur zu unterhalten, die es jedem Kambodschanischer ermöglichen könnte, einmal nach Angkor zu fahren und die Komplexität dieser immensen, eigenen Vergangenheit auch nur zu erahnen. Die meisten Kambodschaner in Angkor und Siem Riep, der dazugehörigen Touristenstadt, kochen in Restaurants, fahren Tuk-Tuk oder Taxi, mixen Drinks, reinigen Zimmer, wechseln Geld, bewachen die Anlagen, verkaufen Früchte, füttern Affen, reiten Elefanten, führen Touristen oder schlafen mit ihnen. Ihre asiatischen Nachbarn dagegen sind längst im globalen Tourismus angekommen und strömen zu Tausenden mit Digitalkamera , GPS und Hochglanzreiseführern durch die alten Gemäuer.

Die kunstsinnigen Schöpfer von einst, halten ihnen heute die Türen auf.